Mit dem Älterwerden besucht man auch Orte, an die man vor zehn Jahren noch nicht einmal gedacht hat. In den letzten Jahren sind das immer häufiger Kurorte.
Kurorte üben eine eigenartige Faszination auf mich aus. Sie sind wie Zeitkapseln, in denen man beispielsweise Einzelhandelsgeschäfte aus Branchen sehen kann, die in Städten inzwischen fast vollständig von Ketten dominiert werden. Gleichzeitig lassen sich häufig auch die Auswirkungen des Rückbaus des Sozialstaats erkennen. Ende der 1990er Jahre erreichte die Anzahl der Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichtungen ihren Höhepunkt; seitdem ist die Anzahl der Kliniken und Betten rückläufig (als Grafik). Und auch wenn die Entwicklung rückläufig ist, war und ist der Kurbetrieb eine Einnahmequelle wie der Tourismus. Daher haben Kurorte meist eine stärkere lokale Wirtschaft als andere Orte vergleichbarer Größe. Das führt zu einem gesünderen lokalen Einzelhandel und auch zu überdurchschnittlich repräsentativer Architektur.
Dieses Wochehende war es nun Bad Nenndorf, ein Familienausflug zur Landesgartenschau. Auch wenn es um die hier nicht gehen soll, nur so viel:
- Das Labyrinth war eine Enttäuschung.
- Man hätte jeden Getränkestand auch mit einer Kaffeemaschine ausstatten können.
Auf dem Weg zurück zum Bahnhof, fiel mir dieses Relief auf:
Frau mit Regenschirm in einem Fries am Wincklerbad
Es ist Teil des Eingangs des Winklerbads (im Denkmalatlas Niedersachsen), erbaut 1930. Auf Grund der geringen Auslastung 2007 wurde die ehemalige Kureinrichtung verkauft und umgebaut.
Und ich erinnerte mich daran, dass ich in der Stadt noch einige weniger auffällige Fassadenornamente aus dieser Zeit (1920-1930) gesehen hatte. Damals waren Ornamente mit geometrischen oder zumindest abstrahierten Formen bzw. Zacken der letzte Schrei. Sie lassen sich dem Art-déco-Stil der 1920er-Jahre zuordnen. Bettina Vaupel hat im April 2012 einen Übersichtsartikel in Monumente Online veröffentlicht.
Da ich mich bereits auf der Rückreise befand, gibt es hier keine eigenen Fotos, sondern Ansichten aus Google Street View.
Versteckt
Standort: Rodenberger Allee 1,
Dieses Ornament ist ziemlich versteckt und nur von einer Seitenstraße aus sichtbar. Auch die Anordnung und die umgehende Wand aus Marmor mit abgerundeten Kanten sind sehr ungewöhnlich. Die Anordnung ist höchstwahrscheinlich nicht original. Eventuell wurden die Reliefs vor einem Umbau bzw. einer Renovierung abgenommen und in dieser Form arrangiert, um sie weiterhin präsentieren zu können.
Bis zur Unkenntlichkeit überformt
Standort: Buchenallee 13
Auch dieses Gebäude sieht, abgesehen vom ornamentierten Eingang, deutlich jünger aus, vielleicht aus den 1990er Jahren. Wenn es sich um einen Umbau handelte, dann war dieser deutlich tiefgreifender als im vorherigen Beispiel, wie man an den Fensterstürzen erkennt.
Da sich beide Gebäude sehr von ihrer originalen Form entfernt haben dürften, sind sie vermutlich nicht als Baudenkmale ( https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkmale_in_Bad_Nenndorf) geführt.
Noch ein Rätsel
Aber dann sah ich diesen Bau.
Ein historisches Sandsteinportal vor einem Glasdurchgang
Standort: Parkhotel Deutsches Haus, Bahnhofstraße 22
Und da stellte ich mir die Frage: “Kann es sein, dass in Bad Nenndorf einfach architektonische Stilelemente recycelt werden?”
Es gibt zahlreiche Bildbände und Literatur zur Architektur von Bädern und Kurorten, aber für das 20. Jahrhundert (besonders die zweite Hälfte) gibt es bisher eher wenig…